Münster - Die tollen Tage nähern sich mit den Rathauserstürmungen und den Rosenmontagszügen dem Höhepunkt. Höchste Zeit also, noch einmal etwas in die Geschichte zurückzuschauen. Mitte des 19. Jahrhunderts wurde die Fastnacht „gezähmt“ und in die Häuser verlegt. Auch das ging vielfach von der Kirche aus: Denn der Kirche nahe stehende Vereine wie Jünglings-, Mütter- und Gesellenvereine, Schützenbruderschaften und Gesangvereine veranstalteten ebenso an den Karnevalstagen Bälle und Feste wie auch Krieger- und Turnvereine. Für ein organisiertes und kanalisiertes festliches Treiben war folglich gesorgt.
Gerade in den ländlichen Gegenden des Münsterlandes ist es bis heute so, dass der Karneval durch die kirchlichen Verbände und Vereine mitgetragen wird. Dazu passend hat sich in der Gegenwart längst das seelsorgliche und psychologische Gespür entwickelt, dass der Mensch die Zeiten der Fröhlichkeit und Ausgelassenheit ebenso benötigt wie Zeiten der Stille und Besinnung. Wer nicht richtig feiern kann, der kann im Grunde auch nicht richtig beten, weil bestimmte emotionale Saiten der Seele nicht in Schwingung geraten.
Die Zähmung des Karnevals ging freilich im 19. Jahrhundert nicht überall reibungslos vonstatten. Manche Narren und die um ihre Einkünfte verlegenen Gastwirte verlegten die Fastnacht vor, so dass noch heute in einigen Orten des Münsterlandes der Karneval früher gefeiert wird - wie etwa der große Ziegenbocksmontag-Umzug im münsterschen Stadtteil Wolbeck eine Woche vor dem Rosenmontag.
Aber auch in Gescher, Havixbeck, Sprakel oder in „Ottibotti“ (Ottmarsbocholt) findet der Hauptumzug früher statt. Dies hat freilich wohl auch damit zu tun, dass die ganz großen Umzüge in Münster oder Bocholt, aber auch entlang der Rheinschiene ebenfalls viel Anziehungskraft entwickeln. Mit der zeitlichen Vorverlagerung können die kleineren Städte und Gemeinden ihr fröhliches Publikum trotz großer Konkurrenz aus der Nachbarschaft binden.
Manche Vereine haben auch bei den diversen Umzügen in der Region mehrere Termine abzuwickeln. Wie man sieht: Im Münsterland ist ganz schön was los, auch wenn das bunte Treiben doch auch stets dem Wandel der Zeiten unterliegt. Auch Wetterkapriolen oder politische Krisen hatten in den vergangenen Jahren ihren Einfluss auf die Karnevals-Festivitäten. 1991 wurden wegen des Irakkriegs Karnevalsumzüge abgesagt. Ein Jahr zuvor, im Februar 1990, beeinträchtigte ein heftiger Orkan das närrische Treiben.


