Münster - "Hit the Road Jack“ klang es im Rathausfestsaal. Ein ziemlich frecher Ray-Charles-Klassiker. Kein bisschen klagend jedenfalls - und das bei einer Veranstaltung, die eher von ernsten Tönen geprägt war.
Die Job College Band des Warendorfer Paul-Spiegel-Berufskollegs eröffnete die Woche der Brüderlichkeit mit ganz viel Soul, zu deutsch Seele. Seit 1988 demonstriert die Veranstaltung im Rathaus die Gemeinschaft christlicher und jüdischer Münsteraner.
Bundesweites Thema ist in diesem Jahr: „Verlorene Maßstäbe“. Ruth Frankenthal, Vorsitzende der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, bezog es nicht nur auf die Nazizeit. Auch in unseren Zeiten der Superlative, der falschen Schönheitsideale und der Finanzkrisen gingen Maßstäbe baden. „Immer lockerer werden sprachliche Tabus gebrochen.“
Die Wirtschafts- und Finanzkrise war auch für Oberbürgermeister Markus Lewe ein Maßstab der Maßlosigkeit. Er fragte nach Richtlinien für eine menschliche Zukunft.
Stadtdechant Ferdinand Schumacher kann diese natürlich nur aus dem Glauben gewinnen. Der Gott der Liebe ermutige dazu, das Ineinander von Freiheit und Gerechtigkeit zu glauben. Und die Würde jedes anderen Mitmenschen zu respektieren.
Manchmal erkennt man in den Kleinigkeiten, wie belastet das Thema ist. Daran, zum Beispiel, dass Dr. Karina von Hoensbroech in ihrem Grußwort der Jüdischen Gemeinde immer noch von „Deutschen und Juden“ sprach. So nebenher. „Im Jetzt und Heute“, sagte sie aber auch, „fühlt sich unsere Gemeinde in Münster gut aufgehoben und sicher.“
Schüler des Warendorfer Berufskollegs, das den Namen des ehemaligen Vorsitzenden des Jüdischen Zentralrats, Paul Spiegel, trägt, stellten in einem Video einen Tag im Leben von Hugo Spiegel nach, dem Vater Paul Spiegels. Er war in der Reichskristallnacht zusammengeschlagen worden. Drei Ärzte weigerten sich, den Verletzten zu behandeln.
Erst der vierte Arzt schätzte den Hippokrates-Eid höher ein als seine Angst vor den Nazis.Ulrich Rehbock, Schulleiter des Berufskollegs, hob die Leitbildfunktion Paul Spiegels für seine Schule hervor. Der Abend endete gemütlich. Schüler des Schiller-Gymnasiums übernahmen im Foyer des Ratssaals das Catering. Zum leckeren Wein gab es dort unterschiedliche Früchte aus Israel.


